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Internationale Klasse

Schuljahr 2017/18 Foto: Stefan Fries

 

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Lehrerinnen und Lehrer der Internationalen Klasse: Herr Busch, Frau Begemann, Frau Spruck, Herr Schmittmann, Frau Lepping, Herr Piechotta

Die Internationale Klasse besteht seit dem 1. Februar am Gymnasium Wülfrath. Momentan lernen 12 Schüler und eine Schülerin aus Syrien, Afghanistan und dem Irak Deutsch als Fremdsprache. Außerdem wird Biologie, Musik und Mathe unterrichtet.

Montagmorgen. 5-Minuten Pause. Die Schüler frühstücken, quatschen, ich trage ins Klassenbuch ein wer fehlt und frage dann in die Runde was denn das Glas mit dem „Müll“ auf der Fensterbank zu suchen habe.

„Das ist kein Müll, Frau Begemann!“, empört sich ein Schüler. „Das ist Biologie!“ Direkt wird mir das zweite Glas gezeigt, das im Klassenschrank steht und erklärt, dass sich in beiden Gläsern Bohnen befänden und jetzt geguckt würde, welche Bohne früher austreibe: die auf der Fensterbank mit Sonnenlicht oder die im dunklen Klassenschrank. Ein Schüler zeigt mir ganz stolz, dass die eine Bohne schon keimt – und das Experiment habe er mit angelegt.

Ich mache einen Zettel an das Glas auf der Fensterbank, damit niemand es für Müll hält und entsorgt.

Was klingt wie ein ganz normaler Austausch in der 5-Minuten Pause ist etwas komplizierter, denn die Schüler die mir stolz vom Bio-Experiment erzählen, können nur ganz wenig Deutsch – sie sind Teil der internationalen Klasse an unserem Gymnasium, die wir seit Februar 2016 eingerichtet haben.

Insgesamt 13 Schüler haben wir bisher, 11 von ihnen sind sogenannte UMF, d.h. unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Sie sind ohne Familie hier und leben in einer Wohngruppe der Bergischen Diakonie wo sie betreut werden. Man kann es sich nur schwer vorstellen, wie das Leben für die Jungen hier sein muss: ohne Familie, in einem Land dessen Sprache man nicht spricht. Zum Großteil kommen die Schüler aus Afghanistan, aber auch Syrer sind dabei. Von 13 Schülern sind 12 Jungen, nur ein Mädchen ist dabei, die mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen ist. Alle haben sie eins gemein: Sie sind geflohen, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sahen. Weg von der Familie, ja, aber auch weg von IS, Taliban, Bürgerkrieg und der ständigen Angst. Wochenlang, teilweise monatelang sind sie geflohen, um jetzt hier zu sein und Deutsch zu lernen.

Der Unterricht ist oft anstrengend – für die Schüler und für uns Lehrer. Die deutsche Sprache ist sehr komplex, vor allem auch weil die Muttersprachen der Schüler so vollkommen anders sind. So gibt es beispielsweise weder auf Dari (der Muttersprache der Afghanen) noch auf Arabisch Artikel. Einen phonologischen Unterschied zwischen „e“ und „i“ gibt es auch nicht – wie soll man also einen Laut produzieren, den man gar nicht hören kann? Das sind nur kleine Beispiele. Und dann alles auf Deutsch, denn eine andere gemeinsame Unterrichtssprache haben wir nicht. Die Schüler sprechen alle kein Englisch, wir sprechen leider kein Arabisch oder Dari. Da raucht beiden Seiten oftmals der Kopf nach einer Doppelstunde.

Aber der Unterricht ist auch sehr dankbar.

Denn die Schüler sind vor allem eins: motiviert. Da wird nachgefragt und nachgefragt wenn etwas nicht verstanden wird, bis es alle können. Hausaufgaben sind plötzlich etwas, das von den Schülern eingefordert wird: „Hausaufgaben, Frau Begemann?“ „Nein, heute nicht.“ „Bitte, Frau Begemann. Hausaufgaben.“ „Morgen wieder.“ „Gut.“

Solche Lehrer-Schüler-Gespräche habe ich vorher noch nie geführt. Auch hat mir niemand vor den Ferien verkündet, dass er lieber weiter in die Schule ginge. Aber nein, die Schüler der internationalen Klasse, fanden Ferien „nicht gut“. Sie wollen lernen.

Die Fortschritte sind groß und schnell bemerkbar.

Für die Schüler trotzdem nicht schnell genug. Sie haben noch Großes vor: wollen Polizist oder Arzt werden.

Genaue Vorgaben, wie eine solche internationale Klasse strukturiert werden soll und in welchen Fächer die Schüler wie in die Regelklassen integriert werden, gibt es noch nicht. 10-12 Stunden Deutsch haben die Schüler in der Woche. Am Gymnasium Wülfrath unterrichten wir zusätzlich Biologie, Musik und Kunst. Den Sportunterricht besuchen die Schüler gemeinsam mit zwei Klassen des Jahrgangs 8 – beide Seiten machen das toll. Die 8. Klassen haben die internationalen Schülern offen aufgenommen und die Schüler der internationalen Klasse würden am liebsten jede Stunde in den Regelklassen sein. Herr Schmittmann, der Kunst in der internationalen Klasse gibt, integriert die Schüler mit künstlerischem Talent in seinen Kurs der Q1. Auch die Schulleitung ist durch Herrn Busch als Biologielehrer der Klasse direkt beteiligt.

Unterstützung erhalten wir auch von außen: ehrenamtliche Helfer, die uns bei der Alphabetisierung der insgesamt 5 analphabetischen Schülern helfen und auch freiwillige Helfer der Jahrgangsstufe E, die in ihren Freistunden mit den Schülern lesen und schreiben üben. Diese Unterstützung ist notwendig, sie ist wichtig. Längst dürfte allen Beteiligten klar sein, dass die Integration dieser Jugendlichen in unsere Gesellschaft eine Gemeinschaftsaufgabe ist.

Maximal 2 Jahre können die Schüler in der internationalen Klasse verbringen. Dann wird entschieden, ob der eine oder andere in eine Regelklasse integriert werden und bei uns an der Schule einen Abschluss machen kann. Sonst wird sie ihr Weg weiter führen: an ein Berufskolleg und hoffentlich zu einer Ausbildung.

Es ist noch ein langer Weg für alle – die Schüler und uns. Aber an Motivation mangelt es allen Seiten bestimmt nicht. (BEG)

Lesen Sie hierzu auch den Artikel von Online-Redakteurin Jana S.

Im Film: „Eine etwas andere Kindheit“ (Medienprojekt Wuppertal) berichten zwei 13-jährige afghanische Jungen, die im Moment die Internationale Klasse besuchen, von ihrer Flucht, die sie alleine auf sich genommen haben.

Lesen Sie hier auch den Artikel in unserem Pressespiegel: „Wo Flüchtlingsjungs Spuren hinterlassen…„.